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Beruf und Pflege vereinbaren: Lösungen für ein Tabuthema

Viele Beschäftigte pflegen daheim Angehörige. In manchen Branchen ist jeder Dritte betroffen. Aus eigenem Interesse sollten Unternehmen diesen Kolleginnen und Kollegen helfen, Beruf und Pflege zu vereinbaren.

©Pixel-Shot - AdobeStock
Die Nachricht kam aus heiterem Himmel. „Vor wenigen Wochen teilte mir ein erfahrener Schweißer mit, dass er seine Frau nach Unfall und Krankenhausaufenthalt zu Hause pflegen muss, und bat um sofortige Beurlaubung“, berichtet Dirk Münstermann, Personalchef des gleichnamigen Maschinenbauers in Telgte. „Wir haben den Kollegen entsprechend den Vorschriften des Pflegezeitgesetzes für zunächst ein halbes Jahr freigestellt und rechnen mit einem noch längeren Ausfall.“

Den Betrieb mit rund 300 Mitarbeitern traf dieser Vorgang gleich doppelt. Nicht genug damit, dass ein hochqualifizierter Mitarbeiter für Monate ausfällt. Weil Münstermann und sein Team sich nie mit dem Thema Pflege auseinandergesetzt haben, wissen sie noch nicht, wie sie betroffene Beschäftigte kompetent unterstützen können. „Zwei Mitarbeiterinnen und ich lassen uns jetzt zu Pflegelotsen weiterbilden“, teilt der Personalleiter mit. Wenn weitere Beschäftigte mit familiären Pflegefällen zu kämpfen haben, können die drei künftig über Rechtsvorschriften informieren, Kontakte zu Behörden vermitteln und Arbeitszeitregelungen treffen.

Die Pflege von Angehörigen macht immer mehr Mitarbeitern zu schaffen. Über 4,13 Millionen Menschen sind dem Statistischen Bundesamt zufolge pflegebedürftig, vier von fünf werden zu Hause betreut. In einzelnen Unternehmen pflegen über 30 Prozent der Beschäftigten Angehörige. „Viele Mitarbeiter zögern mit Anträgen zur Arbeitszeitreduktion, weil sie an ihrer Arbeitsstelle Abstand zum Pflegealltag gewinnen können“, weiß Kirsten Frohnert, Projektleiterin von „Erfolgsfaktor Familie“.


Das Unternehmensnetzwerk wurde von Bundesfamilienministerium und Spitzenverbänden der Wirtschaft gegründet. Vor allem Angestellte, die demente oder stark pflegebedürftige Eltern beziehungsweise Großeltern betreuen, schweigen sich aus, weil ihnen Details peinlich sind. Rund 80 Prozent der zu pflegenden Angehörigen sind über 65, Tendenz weiter steigend. Heute leben rund 16 Millionen Senioren in Deutschland. 2030 werden es knapp 20 Millionen sein. Auch die Belastungen nehmen zu.

Weil wegen der Corona-Krise viele Pflegedienste ihre Tagespflegeangebote eingestellt haben, müssen die Angehörigen zusätzliche Aufgaben übernehmen. Gleiches gilt für Familien, welche die Beschäftigung einer 24-Stunden-Pflegekraft in Erwägung ziehen. Einem neuen Grundsatzurteil des Bundesarbeitsgerichts (BAG) zufolge müssen diese Personen, die häufig in Osteuropa angeworben werden, auch für Bereitschaftszeiten den gesetzlichen Mindestlohn (9,60 Euro pro Stunde) erhalten. Mit Geldern aus der staatlichen Pflegekasse oder Pflegeversicherung allein ist das nicht zu schaffen.

Pflege von Angehörigen: Arbeitgeber sollten Belastungen kennen

„Jeder Arbeitgeber sollte über die Belastungen Bescheid wissen, welche die Pflege von Angehörigen verursachen kann, und Lösungen für die Vereinbarkeit mit dem Beruf entwickeln“, schlussfolgert Frohnert. Andernfalls droht Präsentismus. Viele Mitarbeiter sind nicht bei der Sache, wenn sie ihre Arbeit trotz privater Überforderungen verrichten, und können deshalb nicht ihre volle Leistung bringen.
 
Im Pflegezeitgesetz (PflegeZG) schreibt der Gesetzgeber Freistellungen bis zu einem halben Jahr vor. Im Familienpflegezeitgesetz (FPfZG) sind es sogar – bei gleichzeitiger Teilzeitarbeit – bis zu 24 Monate. Die meisten Beschäftigten wollen erfahrungsgemäß ihre Arbeit mindestens auf Teilzeitbasis fortsetzen oder wiederaufnehmen. „Wichtig ist deshalb eine Strategie, die Schritt für Schritt vorgeht“, sagt Frohnert.

Jedes Unternehmen sollte zuerst prüfen, ob Pflege und Beruf mit den vorhandenen Arbeitszeitmodellen in Einklang gebracht werden können. Im zweiten Schritt sollte das Unternehmen ermitteln, wie viele Mitarbeiter tatsächlich Angehörige pflegen, und diese ermutigen, ihre Anliegen offen zu kommunizieren. Im dritten Schritt müssen Konzepte entwickelt werden, wie betroffene Beschäftigte im Alltag unterstützt werden. „Viele sind angesichts der drastischen Veränderungen, die auf sie zukommen, dankbar für jede Hilfe“, sagt Julia Naetsch vom Unternehmensnetzwerk Familienpakt Bayern.

Pflegelotsin hilft weiter

Die Sparkasse Amberg-Sulzbach ist genauso vorgegangen. Der entscheidende Anstoß kam aus der Personalabteilung. „Vier der fünf Mitarbeiterinnen dort pflegen selbst Angehörige und spüren die Belastungen täglich“, blickt Ulrike Zinnbauer, Leiterin Vertriebsmarketing, zurück. Die Sparkasse startete eine Umfrage unter den 360 Beschäftigten. Jeder dritte Befragte gab an, Eltern oder andere Angehörige zu pflegen. Das Institut organisierte Vorträge und Workshops zum Thema und machte Mitarbeitern konkrete Arbeitszeitangebote. Sie konnten Zeitarbeitsmodelle und Sonderurlaubsregelungen, die für Kollegen mit Kindern entwickelt worden waren, für die familiäre Pflege in Anspruch nehmen.

Außerdem bildete das Institut eine Personalerin zur „Pflegelotsin“ weiter und machte das Thema zum Gegenstand von Führungskräfterunden. In Fragebögen müssen die rund 30 Kollegen schildern, wie sie Mitarbeitern, die sich ihnen anvertrauen, schnell und unbürokratisch helfen. Das neue Wissen hilft auch bei anderer Gelegenheit. Viele angehende Fach- und Führungskräfte hätten die Brisanz des Pflegethemas erkannt, sagt Zinnbauer. „In Bewerberrunden haben sich Teilnehmer wiederholt nach Unterstützungsleistungen erkundigt, wenn ihre Eltern oder andere Verwandte Pflege benötigen“, berichtet die Sparkassen-Managerin. Auch bei der Überwindung des Fachkräftemangels können Lösungen für dieses Tabuthema offenbar helfen.


Quelle: Creditreform.de


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