Elterngeld: Väter zwingen Unternehmen zu mehr Familienfreundlichkeit
Väter nutzen Elternzeit aus unterschiedlichen Motiven
Väter, die sich für ihre Kinder eine Auszeit vom Beruf nehmen, sind längst keine gesellschaftliche Randerscheinung mehr - auch dank des Elterngeldgesetzes. Im 3. Quartal 2009 lag der Wert der männlichen Elterngeldempfänger beim Rekordwert von 21 Prozent. Die Motive der Väter sind höchst unterschiedlich und hinterlassen ihre Spuren in den Unternehmen.
Umfragen zeigen, dass Väter, die sich intensiv um ihre Familie kümmern möchten, längst keine Exoten mehr sind: Schon seit einigen Jahren bevorzugen über 70 Prozent der Väter kleiner Kinder das Vaterschaftsmodell des Erziehers gegenüber dem des Ernährers - theoretisch. In der Praxis nahmen 2001 allerdings nur 1,5 Prozent der Väter den sogenannten Erziehungsurlaub, 2006 gingen etwa drei Prozent in Erziehungszeit. Erst mit der Einführung des Elterngeldgesetzes im Jahr 2007, das eine Lohnersatzleistung von bis 67 Prozent des Nettogehalts vorsieht, sind die Zahlen deutlich gestiegen: Mitte 2008 beantragten über 18 Prozent der Väter Elterngeld. Im 3. Quartal 2009 lag der Wert sogar noch höher - bei knapp 21 Prozent. Heute bleibt außerdem immerhin ein Drittel der Elterngeldväter länger als die obligatorischen zwei Partnermonate zu Hause, nämlich zwischen drei und zwölf Monate.
Ein Drittel nimmt längere Auszeit
Eine Untersuchung des Berliner Instituts für Sozialwissenschaftlichen Transfer (SowiTra) zeigt nun über die nackten Zahlen hinaus, wie Väter die Möglichkeiten des Elterngeldes für sich nutzen. Eine Erkenntnis: Die Motive der Väter sind vielfältiger und die Veränderungen, die das Gesetz in den Unternehmen wie bei den Mitarbeitern ausgelöst hat intensiver als bisher angenommen.
Engagement in Beruf und Familie
Die modernen Väter wollen Familienaufgaben übernehmen, ohne dieses Engagement mit beruflichen Nachteilen zu bezahlen. Vielmehr erwarten sie im Betrieb die Möglichkeit, familiäre Fürsorgeaufgaben parallel zum Beruf übernehmen zu können. Väter stellen berufliche Benachteiligungen in Frage, die lange Zeit als Selbstverständlichkeit hingenommen wurden.
Väter setzen Unternehmen unter Druck
Dadurch steigt in vielen Betrieben die grundsätzliche Sensibilität für die Belange von Beschäftigten mit Fürsorgeaufgaben. Die Debatte um betriebliche Gleichstellungs- und Vereinbarkeitspolitik erhält zusätzliche Anstöße. Und in etlichen Fällen wird auf Druck der Väter die Arbeitsorganisation geändert, beispielsweise Teleheimarbeit eingeführt, sagen die Studienautoren. Diese Änderungen würden allen Beschäftigten nutzen, Männern wie Frauen.
Letztlich trage jeder Vater, der seinen Anspruch nutzt, dazu bei, dass aus der Auszeit für Männer ein "normaler" Vorgang wird. Derzeit ist es so, dass zwar 80 Prozent der Unternehmen Familienfreundlichkeit wichtig ist, aber nur 16 Prozent Elternzeitmodelle für Väter fördern.
Laut SowiTra gibt es fünf Vätergruppen mit unterschiedlicher Motivation:
1. Die Vorsichtigen machen 46 Prozent der befragten Väter aus. Sie nehmen nur ein bis zwei Partnermonate, fast immer als echte Auszeit vom Job und mehrheitlich direkt im Anschluss an die Geburt. Fast alle haben bisher keine Erfahrungen mit Elternzeit oder familienbedingter Teilzeit für ein früheres Kind. Sie betonen häufiger als andere Väter, dass sie sich auf Wunsch ihrer Partnerinnen an den Elterngeldmonaten beteiligen. Sie wollen nicht ihr berufliches Fortkommen gefährden, halten die Auszeit deshalb möglichst kurz.
2. Die (Semi-)Paritätischen beziehen zwischen drei und acht Monate Elterngeld und nehmen ihre Auszeit meist versetzt zur ebenfalls erwerbstätigen Partnerin. Eine möglichst kurze berufliche Auszeit für beide Eltern ist ihnen wichtig. Ihre Gruppe umfasst 14 Prozent der Befragten.
3. Die sogenannten umgekehrten Nutzer nehmen eine längere Auszeit als ihre Partnerin. Für diese sechs Prozent der befragten Väter ist es überdurchschnittlich wichtig, die Verantwortung für die Familie mit ihrer Partnerin zu teilen, aber auch deren berufliches Fortkommen zu unterstützen. Die eigene berufliche Karriere spielt eine untergeordnete Rolle.
4. Die Familienorientierten machen neun Prozent aus. Sie nehmen zwischen einem und acht Elterngeldmonaten, kombinieren dies aber mit sich anschließender, unbezahlter Elternzeit. Sie haben schon früher mit Elternzeit oder Teilzeitarbeit Erfahrungen gesammelt. Ihr Wunsch: Die Kinder sollen möglichst lange von einem Elternteil betreut werden können.
5. Fünf Prozent zählen zu den Familienzentrierten. Sie nutzen zwischen neun und zwölf Elterngeldmonate. Sie kombinieren diese aber noch mit zusätzlicher, unbezahlter Elternzeit. Für diese Väter ist es wichtiger als für alle anderen, schon frühzeitig viel Zeit mit dem Kind zu verbringen. Sie betonen, dass ihre Entscheidung nicht nur auf den Wunsch der Partnerin zurückgeht. MB
Externe Links:
Frontal 21-Bericht zum Thema „Elterngeld und Väter“ in der ZDF-Mediathek


